Lernen im Wald

Ein Wald- und Naturkindergarten ist zunächst einmal ein Kindergarten wie jeder andere auch. Hier können die Kinder spielen, toben, singen, tanzen, malen, gemeinsam lernen und vieles mehr.

Das Besondere am Wald- und Naturkindergarten ist, dass er weder Türen noch Wände hat. Die Förderung des kindlichen Aktivitäts-, Fantasie-, Gestaltungs- und Erfahrungsdrang in der freien Natur steckt hinter der Idee der Waldpädagogik mit dem Ziel des ganzheitlichen Lernens. Ganzheitliches Lernen heißt, mit allen zur Verfügung stehenden Sinnen meine Umwelt zu erleben und wahrnehmen zu können. In der freien Natur können diese Sinneswahrnehmungen hervorragend geschult, entwickelt und gefördert werden.

Wald und Natur als Lebensraum bieten den Kindern die Möglichkeit, ihren Drang nach Bewegung auszuleben, und durch das vielfältige Spektrum werden sowohl die Wahrnehmungen als auch die Körperkoordination der Kinder sensibilisiert.

Auch setzt der Wald- und Naturkindergarten ein Gegengewicht zu unserer organisierten, von technischen Abläufen bestimmten Lebenswelt. Kinder werden zunehmend vom Außenraum als offenen Spiel- und Erlebnisort verdrängt, sie spielen überwiegend in geschlossenen Räumen. Hier stellt der Wald- und Naturkindergarten Raum für Kinder zur Verfügung. Hier stehen reformpädagogische Ansätze wie die Förderung der Eigenverantwortlichkeit, ganzheitliches und entdeckendes Lernen, die Umwelterziehung und das Lernen aus praktischer und sozialer Anschauung im Vordergrund.

Interesse und Neugierde wird durch das Spielen im Wald gefördert. Spielen ohne vorgefertigtes Spielzeug regt die Kreativität und Phantasie an, und durch den Aufenthalt in freier Natur bei jedem Wetter wird die Anfälligkeit gegenüber Infektionskrankheiten geringer. Außerdem entwickeln die Kinder durch den täglichen Aufenthalt im Wald ein Gefühl für den verantwortungsvollen Umgang mit der Natur.

Wald und Natur mit vielfältigen Strukturen – vom hohen Baum zum gefällten Stamm, vom steilen Hang und zum ebenen Waldweg, mit Felsen, Höhlen, Bächen, Moosen, Blättern, Samen, Steinen, Stöcken und Tieren – schafft für die Kinder ein Gegengewicht zu unserer hektischen, engen und oftmals lauten Gesellschaft und spricht Körper und Verstand an, aber auch die emotionale und seelische Ebene.

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PÄDAGOGISCHES KONZEPT

Das Konzept des Wald- und Naturkindergartens stellt eine Erweiterung bisheriger Kindergartenpädagogik dar. Die Erziehungsziele des Regelkindergartens werden dabei nicht vernachlässigt, sondern lediglich in anderer äußerer Form angeboten. Die Form des Wald- und Naturkindergartens öffnet den Blick für die Möglichkeiten zahlreicher Aktivitäten in der Natur, ohne vorgegebene Architektur und ohne vorbereitetes Spielzeug. Unser oberstes Ziel ist es, dem kindlichen Aktivitäts-, Phantasie-, Gestaltungs- und Erfahrungsdrang in naheliegender Weise entgegenzukommen und die Kinder für den Umgang mit der Natur zu sensibilisieren. Eine ganzheitliche Erziehung lässt sich hier besonders gut verwirklichen.

Ganzheitliches Lernen heißt, mit allen zur Verfügung stehenden Sinnen die Umwelt zu erleben und wahrnehmen zu können. Durch den Aufenthalt in der Natur erlebe ich mich als Teil des Ganzen.

Der Wald- und Naturkindergarten bietet optimale Voraussetzungen für häufig vernachlässigte Persönlichkeitsbereiche von Kindern, deren Entfaltung aber unbedingt wichtig ist, um ein Kind ganzheitlich zu stabilisieren. Der Wald- und Naturkindergarten soll eine Ergänzung oder Alternative zum Regelkindergarten darstellen. Ein Erfahrungsaustausch mit Sozialpädagogen, mit Kindergärten und mit psychologischen und medizinischen Fachkräften und ebenso Anregungen und neue Ideen sind für die Weiterentwicklung des Wald- und Naturkindergartens besonders wichtig.

Der Wald- und Naturkindergarten ist eine Einrichtung, in der sich die Kinder bei fast jedem Wetter und jeder Jahreszeit im Freien aufhalten. Er setzt ein Gegengewicht zu unserer organisierten, von technischen Abläufen bestimmten Lebenswelt, in der Sinnzusammenhänge immer weniger durchschaubar sind und in der die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten durch Vorgaben oder Vorfertigungen immer geringer werden.

Heutige Kindheit zeichnet sich oft dadurch aus, dass Kinder immer weniger Gelegenheit haben,

  • ihren Bewegungsdrang im Freien, bedingt durch die rasche Verstädterung und ein wachsendes Verkehrsaufkommen, auszuleben
  • Grenzerfahrungen über die eigenen körperlichen Leistungsfähigkeiten zu machen
  • Phantasie, Kreativität und Eigeninitiative durch das Herstellen von Spielzeugen mit einfachen (Natur-)Materialien zu entwickeln
  • Natur unmittelbar, nicht nur aus den Medien zu erleben
  • Stille in einer reizüberfluteten Welt zu erfahren.

Der Grundgedanke des Wald- und Naturkindergartens ist, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken und den Kindern einen (Natur-)Raum zu geben, in dem ganzheitliche Erfahrungen gemacht werden können und ein selbstverständlicher Bezug zur Natur hergestellt werden kann. Ein kontinuierlicher Kontakt zur Natur sensibilisiert das Kind und fördert einen behutsamen Umgang mit jeder Art von Leben.

Die große Methodenvielfalt des Wald- und Naturkindergartens spricht sowohl Körper und Verstand an als auch insbesondere die emotionale, seelische und spirituelle Ebene des Kindes. Neben der Wissensvermittlung ist auch die bewusste Sinnes- und Wahrnehmungsschulung in der unmittelbaren Naturbegegnung ein wichtiges methodisches Element. Das lustvolle Spiel hat ebenso Platz wie das ernsthafte Erforschen von biologischen Sachverhalten.

Auf das sogenannte Freispiel (Spielen ohne Anleitung auf Basis eigener Ideen der Kinder) wird besonderer Wert gelegt. Näheres dazu hier und hier

Verschiedene Elemente des Waldkindergartens

  • Umwelt- und Naturerleben

Der Wald und die Natur bieten zu jeder Jahreszeit ein unerschöpfliches Reservoir an Möglichkeiten zum Spielen, Entdecken und Lernen. Das Kind nimmt seine Umwelt mit allen Sinnen wahr. Im Herbst sieht das Kind die Verfärbung der Blätter, riecht die Pilze, spürt, wie es langsam kälter wird.

Warum ist der Frühling bunt, laut, voller Leben und Bewegung, der Winter hingegen starr, still und arm an Farben? Gerade durch ständige Aktivitäten draußen in der Natur gewinnen die Kinder Einblicke in die Zusammenhänge zwischen Klima, Rhythmus der Jahreszeiten, Pflanzenwachstum und tierisches Leben. Sie erleben die Natur schon frühzeitig im Spiel, erforschen und entdecken ihre Geheimnisse und bauen so ein positives Verhältnis zur Umwelt auf. Sie fühlen sich mit ihrer Umgebung in Ehrfurcht und Verantwortung verbunden. Der Wald wird immer vertrauter und etwas Vertrautes ist schützenswert.

Die natürliche Umgebung wirkt ganzheitlich durch das Erleben des Eingebundenseins in die Natur und das Erleben der wechselseitigen Abhängigkeiten. Natur wird unmittelbar erlebt und begriffen, der behutsame Umgang mit jeder Art von Leben wird erfahren und gelernt.

Die Kinder nehmen die von der Natur selbst gesetzten natürlichen Grenzen wahr und lernen sie zu akzeptieren (wenn ich zu hoch klettere, werden die Äste dünner – sie tragen mich nicht mehr; der Abfall, den man liegen lässt, verschwindet nicht von selbst und ist noch nach Wochen zu sehen). Auch lernen sie bestimmte Vorsichtsmaßnahmen auf natürliche Weise kennen und zu reflektieren: Limonade zieht Wespen an – Wespen stechen; vor dem Essen müssen die Hände gewaschen werden – aus hygienischen Gründen.

Der Wald wird als nichts Abstraktes, sondern authentisch erlebt (der Wald bietet mir Schutz bei Sonne, Wind und Regen, ich betrete den Wald nicht nur bei Sonnenschein; die roten Beeren stecke ich nicht in den Mund, da ich sie nicht kenne). Das Kind lernt, mit der Witterung umzugehen, sich diesen Begebenheiten zu stellen und entwickelt dadurch auch Ausdauer und Durchhaltevermögen.

Die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen wird bereichert: Die Kinder erleben die pädagogischen Fachkräfte als Vorbild, wie sie sich in der Natur verhalten, im Gegenzug dazu sollen sich die pädagogischen Fachkräfte von der Freude, dem Enthusiasmus der Kinder anstecken lassen (Freude über einen Käfer). Die Kinder erleben sich als Teil des Ganzen und werden ausgeglichener und zufriedener.

  • Förderung der Sinne

Kinder nehmen die Welt weniger über das Denken als über Sinneseindrücke wahr. Die Welt offenbart sich den Kindern über Riechen, Schmecken, Sehen, Tasten, Hören, Erleben. Wo anders als in der freien Natur können die Sinneswahrnehmungen besser geschult, entwickelt und gefördert werden? Die Natur liefert Originale und nicht mühsam in Form von Tastsäckchen und Riechfläschchen pädagogisch rekonstruierte Sinneseindrücke.

Unmittelbares Erleben, eigene Erfahrungen mit allen Sinnen anstelle von „Projektionen aus zweiter Hand“ geben Selbstwertgefühl und insbesondere emotionale Stabilität. Sie sind die besten Voraussetzungen, um später in der Gesellschaft konstruktiv und kreativ zu sein.

Diese Eindrücke werden nicht von der pädagogischen Fachkraft konstruiert, die Kinder erleben originale Sinneseindrücke und entwickeln dadurch eine innere Beziehung zur Natur. Durch den ständigen Aufenthalt und die Aktivitäten in der Natur gewinnen Kinder Einblick in die Vielfalt der Arten. Sie lernen Zusammenhänge zwischen Klima, Jahreszeiten, pflanzlichem und tierischem Leben kennen und erleben sich als ein sinnerfülltes Teil des Ganzen.

Je vielfältiger diese sensorischen Fähigkeiten, die Grob- und Feinmotorik und der Gleichgewichtssinn geübt werden, desto sicherer wird das Kind in seinen Bewegungen und um so besser gelingt ihm die Auseinandersetzung mit seiner Umwelt. Durch vielfältige Sinneserfahrungen wird das Kind empfänglich für Stimmungen in der Natur, das Einfühlungsvermögen wird so gestärkt.

  • Kognitiver Bereich

Wegen der Förderung der körperlichen und seelischen Stabilität sind die Kinder für den kognitiven Bereich motivierter und leistungsfähiger. Sie werden darin durch vielfältige Informationsangebote aus verschiedenen Wissensgebieten gefördert.

Das Kind steht in ständiger Interaktion mit seiner Umwelt. Je vielfältiger und ganzheitlicher die gemachten Erfahrungen sind, um so mehr Schaltstellen und Synapsen entstehen in der neurologischen Entwicklung. Durch das freie Lernen und die Zurückhaltung der pädagogischen Fachkräfte ist das Kind gehalten, ständig Hypothesen zu bilden.

Durch diese selbst gemachten Erfahrungen über ein problemlösendes Handeln und die eigenen Körperanpassungen schafft sich das Kind unerlässliche Grundlagen für

  • den Umgang mit Zeichen, Buchstaben und Zahlen
  • seine emotionale Entwicklung und Selbstständigkeit
  • Interaktionsmöglichkeiten in seinem sozialen Umfeld.

In einem nicht reizüberfluteten Außenbereich wie dem Wald können innere Kräfte besser wahrgenommen und erprobt werden. Dabei lässt die geringe räumliche Einschränkung auch innere Grenzen besser erleben und ausdrücken. Das Spiel in freier Natur lässt die Kinder selbst ihre Grenzen und Entwicklungsfortschritte deutlich erfahren.

  • Psychomotorik und gesundheitliche Aspekte

Der Wald bietet fast unbegrenzte Möglichkeiten, den Bewegungsdrang auszuleben. Viele pädagogische Fachkräfte aus Waldkindergärten berichten, dass Verhaltensauffälligkeiten wie Hyperaktivität und Aggressionen kaum auftreten, da der Bewegungsdrang nicht unterbunden werden muss. Im Wald und in der Nautr ist genügend Raum.

Empirische Untersuchungen haben den Zusammenhang zwischen psychomotorischen Erfahrungen und kognitiver Entwicklung nachgewiesen. Die Möglichkeit, auf einen Baum zu klettern, über Hindernisse zu springen, Löcher zu buddeln, einen Hang hinaufzuhangeln und wieder runterzurutschen, ist für das körperliche Erleben und den Zuwachs an Bewegungskompetenz effektiver als gezielte Bewegungsförderungsprogramme in geschlossenen, geebneten Räumen und mit eigens dafür hergestellten Gerätschaften. Heute weiß man, dass die Intelligenzentwicklung eines Kindes ganz stark mit der Bewegung zusammenhängt.

Der Aufenthalt der Kinder im Freien bei unterschiedlichen Witterungsverhältnissen stärkt nachweislich das Immunsystem. Die Verbreitung von Infektionskrankheiten wird geringer, da die räumliche Weite gegeben ist. Die Bewegung in unebenem und ständig wechselndem Gelände festigt die Muskulatur, fördert das Körperbewusstsein und die Körperkoordination. Die Ausdauer und Kraft werden gesteigert, aber auch eigene Grenzen werden erkannt und akzeptiert.

Körperliche und geistige Entwicklung gehen Hand in Hand. Ein Kind, das sich souverän bewegen kann, seinen Körper kennt und liebt, hat auch einen selbstbewussteren Umgang mit sich und seiner Umwelt. Das Erfahren von Grenzerlebnissen im körperlichen Bereich schafft auch Stabilität für die Bewältigung psychischer Belastungs- und Stresssituationen.

Durch dieses positive Selbstbild wird der ganze Mensch ausgeglichener und zufriedener. Die Kinder lernen, auf ihre Gesundheit Acht zu geben. Auch gibt es Gefahren im Wald, vor denen man sich schützen muss.

Die vielfältigen Bewegungsanreize unterstützen eine gesunde körperliche Entwicklung. So haben zum Beispiel Kinder, die sich viel und frei bewegen, weit weniger Haltungsschäden als Kinder, die sich überwiegend im Sitzen beschäftigen. Ebenso sind Kinder, die ihre Bewegungsfreude ausleben können, emotional sehr ausgeglichen und zeigen weniger die häufig beklagten Verhaltensauffälligkeiten wie mangelnde Konzentrationsfähigkeit oder hyperkinetisches Syndrom.

Die heilsame Wirkung des Waldes und der Natur lässt sich auch in der Stille erfahren, die in der heutigen Zeit ungewöhnlich, aber von unschätzbarem Wert ist, zum Beispiel für ein differenziertes Wahrnehmungsvermögen, innere Stabilität und Sensibilisierung des Kindes.

Zu einer gesunden körperlichen Entwicklung gehört Bewegung, frische Luft und eine vollwertige Ernährung.

  • Soziales Lernen in der Gruppe

Die Verantwortung füreinander ist in der „wilden Natur“ besonders wichtig. Der Große passt auf den Kleinen auf, der Starke auf den Schwachen. Zwar kann man auch allein für sich spielen, aber nur zu mehreren lassen sich Dinge gestalten, die noch nicht fertig zur Verfügung stehen, z. B. muss der große Ast gemeinsam weggerollt werden, sonst bleibt er liegen. Oft führt nur eine Diskussion, in der jedes Kind und die Erzieherin sich einbringen kann und soll, zu einem gemeinsamen Ergebnis. Ohne Toleranz und Respekt vor den Möglichkeiten und Bedürfnissen des einzelnen Guppenmitgliedes ist ein gemeinsamer Tag nicht gestaltbar.

Kinder in freier Natur sind nicht durch Wände, Türen und Spielzeug eingeschränkt. Sie erleben sich selbst sehr intensiv, nehmen sich mit ihren Wünschen, Bedürfnissen und Gefühlen wahr. Sie können sich selbst so erproben, experimentieren und eigene Grenzen erfahren und diese auch Schritt für Schritt erweitern. Sie lernen sich selbst zu achten, ihre Interessen zu vertreten, aber auch Verantwortung für sich selbst, ihr Handeln und dessen Folgen zu übernehmen. Dadurch gewinnt das Kind an Selbstständigkeit und Selbstsicherheit.

Die Gruppe entwickelt starken Zusammenhalt und große Hilfsbereitschaft. Natürlich wird im Wald- und Naturkindergarten auch Rücksichtnahme, Teilen und Warten gefördert – nur eben mit weniger Konfliktpotential, da die Gruppe kleiner und überschaubarer und auch genügend Platz für jeden da ist. Somit werden Aggressionen und Stress nicht so groß aufgestaut. „Schwer“ zu bewältigende Situationen (eine glitschige Böschung erklimmen) fördert Ich-Stärke, Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Auch ist das Verhältnis pädagogische Fachkraft – Kinder weitaus intensiver, da die reich strukturierte Umgebung immer wieder Anlass zu vielfältigen Gesprächen gibt und da die Gruppe relativ klein ist.

  • Kreativität und Phantasie

Beim freien Spiel ohne Spielsachen wird die Phantasie der Kinder gefördert. Das Spiel mit dem, was die Natur hergibt, hat 1001 Variationsmöglichkeiten. Als Beispiel mag industriell gefertigtes Spielzeug dienen: Es ist geruchslos, hat kein typisches Gewicht, festgelegte Farben und Formen, kostet Geld, ist beliebig reproduzierbar, das ganze Jahr über verfügbar. Anders bei Naturmaterial: Es „lebt“ zunächst durch seine natürliche Beschaffenheit, ist dementsprechend formbar, man kann daraus machen, was man will und kann.

Der Wald bietet eine unerschöpfliche Fülle von Anregungen, aber kein fertiges Spielzeug. Die Materialien, mit denen die Kinder im Wald spielen, sind nicht an sich attraktiv, sondern erhalten ihren Wert erst dadurch, dass man ihnen eine Bedeutung gibt. Materialien, die der Wald bietet, sind noch nicht auf den Zweck festgelegt und bieten den Kindern die Möglichkeit, kreativ zu werden. Sie erhalten so die Gelegenheit, ihre inneren Bilder zu entfalten (aus Blättern werden Fische, aus Tannenzapfen werden Boote). Dies verschafft den Kindern eine tiefe innere Befriedigung und Stärke. Mit dieser Grundlage kann einem späteren Suchtverhalten entgegengewirkt werden. Außerdem erfahren die Kinder, dass sie mit wenigen Dingen und ohne große optische und akustische Reize auskommen können, um sich in interessante Spiele zu vertiefen.

  • Sprache

Je weniger fertige Spielsachen vorhanden sind, desto mehr sprechen die Kinder miteinander. Die Spiele der Kinder sind häufig Rollenspiele, in denen sie sich austauschen und einigen müssen. Sie entwickeln immer neue Ideen beim Spiel, die in die Tat umgesetzt werden. Das Sprechen ist hier das wichtigste Spielelement. Da die Kinder durch Sprechen auch Erfolge miteinander erzielen, entwickeln sie eine regelrechte Lust an der Sprache. Das äußert sich oft in wilden Sprachspielen und Wortschöpfungen.

  • Freiraum

Platz haben zum „Kindsein“ im wahrsten Sinne des Wortes. Raum, sich frei zu bewegen, Platz zum Lachen, Weinen, Tanzen, Träumen, …

Der natürliche Bewegungsdrang der Kinder kann ungehindert ausgelebt werden.

  • Stille

Es gibt keinen hohen Lärmpegel wie in geschlossenen Räumen. Die Kinder erleben wieder Stille. Stille ist in der heutigen Zeit ungewohnt. Sie ist von unschätzbarem Wert beispielsweise für die allgemeine Differenzierung des Wahrnehmungsvermögens, das Finden von Stabilität durch innere Ruhe und die Konzentrationsfähigkeit. Gerade der Wald ist ideal, um Stille zu erleben, zu lauschen und sich für feinste innere und äußere Vorgänge zu sensibilisieren.

  • Regeln und Gebote

Im Wald- und Naturkindergarten können die Kinder eher die Notwendigkeit von Regeln und Geboten erfahren, ihren Sinn erkennen und sie nachvollziehen, weil sie mit dem unmittelbaren Erleben verbunden sind. Regeln und Gebote können im Wald auf ein Mindestmaß reduziert werden.

  • Aggressionen

Ein Kindergarten ohne „Tür und Wände“ hilft, dass sich Aggressionen gar nicht erst aufstauen und zu einem Stresszustand führen, sondern sich auf angemessene Weise kreativ umwandeln. Die relativ kleine überschaubare Gruppe bietet ideale Möglichkeiten, soziale Konflikte konstruktiv zu lösen.

  • Förderung der Schulfähigkeit

Schulfähigkeit bedeutet, neue und unbekannte Anforderungen aufgrund einer stabilen Selbstsicherheit neugierig und angstfrei aufzugreifen und mit Interesse und Konzentration nach einer Lösung zu suchen und diese zu finden. In diesem Sinne werden den Kindern Möglichkeiten geboten, gerade im letzten Kindergartenjahr sich besonders auf die Anforderungen der kommenden Schulzeit einzustellen.

Das, was man von Vorschulkindern erwartet, wird tagtäglich trainiert, aber auch die gezielte Vorschularbeit hat im Wald- und Naturkindergarten einen festen Platz. Die Themen, die in den Vorschulstunden bearbeitet werden, richten sich nach den Bedürfnissen und Vorlieben der Kinder. Es wird das behandelt, was die Kinder besonders interessiert, aber es wird auch das geübt, was ihnen noch Schwierigkeiten bereitet.

Es ist eine Tatsache, dass Menschen und ganz besonders Kinder ganzheitlich am besten und einfachsten lernen. Auch im baden-württembergischen Bildungsplan für Grund- und Hauptschulen hat man versucht, dies stärker zu berücksichtigen. Unsere Kinder sollen mit allen Sinnen lernen können! Wo können Drei- bis Sechsjährige dies besser als im Wald- und Naturkindergarten?

  • Integration behinderter Kinder

Integration, verstanden als die gemeinsame Erziehung behinderter und nichtbehinderter Kinder von Anfang an, kann auch im Wald- und Naturkindergarten stattfinden.

Ein Leitgedanke dieser Integrationspädagogik ist: „Alle sind gleich – alle sind verschieden“.

Neben dem natürlichen Umgang mit der Natur steht ebenso der Umgang mit Minderheiten und Menschen mit besonderen Problemen im Vordergrund. Inwieweit dies im täglichen Ablauf unseres Wandkindergartens möglich ist und welche Unterstützung wir dann benötigen, wird immer vom Einzelfall abhängig sein.

  • Elternarbeit

Die Elternmitarbeit sehen wir als einen wesentlichen Bestandteil unserer pädagogischen Arbeit an. Es ist uns wichtig, den Eltern den Kindergartenalltag transparent zu machen. Sie sollen in die tägliche Arbeit miteinbezogen und zu wesentlichen Belangen informiert werden. Elternabende, Elternbriefe oder Besuchertage sind Möglichkeiten, diese Zeile zu verwirklichen. Elternarbeit stellt sich als ein Wechselspiel dar. Je mehr es uns gelingt, die Eltern miteinzubeziehen, desto stärker fühlen sie sich mit ihrem Kindergarten verbunden und sind bereit, sich für organisatorische Belange einzusetzen.

Wichtig ist auch, dass im Falle einer kurzfristigen Krankheit einer pädagogischen Fachkraft ein Elternteil, welches vorher die Bereitschaft signalisiert hat, einspringen kann und somit die Möglichkeit hat, den Ablauf kennenzulernen.

  • Zusammenarbeit mit anderen öffentlichen Einrichtungen

Laufende Kontakte und eine enge Zusammenarbeit mit der zuständigen Forstbehörde ist unabdingbar. Da wir mit den Kindern den Wald als Lebensraum erfahren, sind wir immer wieder auf Hilfe und Kooperation des Fachpersonals angewiesen. Hierbei denken wir auch an Aufklärung über mögliche Gefahren, die im Wald auftreten können (Astbruch, laufende oder anstehende Waldarbeiten oder Veränderungen des Geländes aufgrund von Witterungseinflüssen).

Als Wald- und Naturkindergarten sehen wir uns als eine Alternative oder Ergänzung zu den Regelkindergärten der Gemeinde. Eine enge Kooperation sowie ein regelmäßiger Austausch bezüglich pädagogischer Arbeit wäre wünschenswert.

Ebenso wünschen wir uns eine enge Zusammenarbeit mit den Grundschulen. Nur so gelingt es, unseren Vorschulkindern einen problemlosen Start in das Schulleben zu ermöglichen. Auch ist es ein Wunsch unseres Vereins, dass Wald- und Naturkindergarten und Grundschule gemeinsame Projekttage machen.